Hannoversche Allgemeine Zeitung, 29. Juli 1999

Der Kinderliedermacher


Der Großvater von Manfred Kindel hatte einen Traum. Er wollte, dass sein Enkelsohn Musiker wird. Der alte Mann brachte dem kleinen Jungen Blockflöte bei, als dieser vier Jahre alt war und lehrte ihn, Noten zu lesen. Kurz vor dem Abitur entschied sich der in Empelde geborene Künstler anders. Der „schwarze Bariton“, seine Singstimme liegt zwischen Bass und Tenor, verabschiedete sich vom Ziel, als Solist im „bürgerlichen Kulturbetrieb“ Karriere zu machen. Er begann, sich politisch in der Anti-Atomkraftbewegung zu engagieren und finanzierte sein Studium der Erziehungswissenschaften als Straßenmusikant.

Als 1981 sein Sohn Johannes geboren wurde, begann Kindel Kinderlieder zu schreiben. „Ich konnte immer schon gut mit Kindern“, berichtet der 44jährige, der unter dem Namen Unmada bekannt ist. Dennoch begann sein Schaffen als Kinderliedermacher erst einmal im Hintergrund. Damals arbeitete Unmada hauptberuflich in der Drogenberatungsstelle drobs.

Seit zehn Jahren ist der braunäugige Mann mit dem großen Ring im Ohr selbständig. Seither widmet er sich überwiegend seiner Musik und der Arbeit mit Kindern. Vier CDs für Kinder hat er bereits produziert. Sein Hauptinstrument ist das Akkordeon. Es hat den Vorteil, dass er es überall mit hinnehmen kann. Sei es, wenn er als Maschseepirat auf den Tasten des Schifferklaviers spielt oder tanzend und singend vor Tausenden von Kindern auf dem Georgsplatz gegen die Kürzung im Kindertagesstättenbereich protestiert.

Seine Augen blitzen, wenn er von dem Erlebnis erzählt, das seine Einstellung zum Musikmachen geprägt hat: Anfang der siebziger Jahre war Unmada mit der Aktion Sühnezeichen in Polen. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen baute er dort ein Denkmal im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof. Als die Gruppe nach getaner Arbeit unter der Dusche deutsche Lieder anstimmte, erlitt eine ehemalige Insassin

des KZ, die vor der Tür Postkarten verkaufte einen Nervenzusammenbruch. „Für mich war damit klar, dass wir Deutschen eine neue Volksmusik brauchen“, sagt Unmada nachdenklich.

Neben seiner Arbeit als Kinderliedermacher spielt er mit Freuden seit mehreren Jahren in der Gruppe „mabon“. „Wir machen Volksmusik mit meditativen Inhalten, Musik mit Wurzeln und Flügeln.“ dass er überwiegend Musik für und mit Kindern macht und Projekte wie den Kinderwald Hannover initiiert hat, liege daran, dass ihm die Kleinen ganz besonders am Herzen lägen.

Nur mit seinem Namen haben viele Schwierigkeiten. „Im Deutschen gibt es kein Wort, bei dem auf ein „N“ ein „M“ folgt“, versichert er. Die einzige Ausnahme sei das Wort unmöglich. Seinen ungewohnt klingenden Namen hat Unmada vor 19 Jahren von einem indischen Meister bekommen. „Das bedeutet soviel wie exstatisch oder verrückt im positiven Sinne“, bemerkt der langhaarige Musiker.

Er selbst bezeichnet sich jedoch als Musikant. Den Unterschied zwischen Musiker und Musikant sieht Unmada darin, dass ein Musiker ein guter Techniker sei, der hochwertige Facharbeit leiste; ein Musikant dagegen bringe die Musik aus seinem Inneren nach außen, um dort die Menschen zu berühren. „Singen öffnet die Herzen“, beteuert Unmada. Dann trällert er los. Die Arie des Osmin aus der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart. Seine Stimme hallt kraftvoll durch den Raum, fröhlich, schmetternd, alles einnehmend. Dieser Musikant erreicht seine Zuhörer und nimmt sie für sich ein.

Wenn sein Großvater noch lebte, er wäre sicherlich stolz auf seinen Enkelsohn – den Musikanten mit dem großen Herzen für die Kleinen.

Kristina Weidelhofer