Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 18. Oktober 1996

Er läßt sich treiben und vertraut auf seine Intuition.


„Kreativität wächst im Stillen“, sagt Manfred Kindel, dessen Name Programm ist: Er lebt für die Arbeit, die Musik und das Spiel mit den Kindern. „Kinder“, betont der verspielte Musikant „symbolisieren Zukunft.“ Sie sind spontan, direkt und leben für den Augenblick. Er tut das auch. Vor 15 Jahren trieb es den Pädagogen auf die Straße. Sein Sohn Johannes war geboren, und er wies ihm den Weg. Frei und unbefangen wollte der Mann sein, der inzwischen als „Unmada“ drei CD für Kinder produzierte und als Käpt'n Uni Zoff mit seinen Maschseepiraten Raubzüge für Hannovers Unicefprogramm unternahm.

In wenigen Tagen startet der 42jährige, der in Empelde aufwuchs, sich aber nie als Empelder fühlte, ein neues Projekt. Am Stadtrand von Hannover soll ein „Kinderwald“ entstehen. Zunächst gedanklich, im Frühjahr künstlerisch und im Herbst ganz konkret. Sein Ziel ist es, soziale und ökologische Aspekte zu vereinen.
Die Wanduhr tickt. „Zeit“, meint der Mann, der einst das Energie-Theater gründete, „muß anders verstanden werden.“ Hand in Hand sollen Kinder und Naturschützer durch das jetzige Tun Zeichen für die Zukunft setzen. „Wir müssen in größeren Dimensionen denken.“ Das Waldprojekt soll mehr als alles Vorangegangene schaffen: Bleibendes, Wachsendes und Werdendes sollen die Kinder mitbegleiten – am besten über Generationen hinweg. Mehrere Hektar Wald sollen bepflanzt werden. Kinder sind begeisterungsfähig und naturverbunden.

„Bessere Voraussetzungen“, konstatiert der Mann mit der Creole im Ohr, „kann es für den Kinderwald nicht geben." Er sei in der Lage, quer zu laufen und seinen Ideen zu folgen. Und er genießt die Freheit seines Schaffens und denkt rein materiell nur in Quartalen. Als Zehnjähriger spielte er im Posaunenchor. „Damals" so erinnert sich Manfred Kindel, „war Empelde noch ein Dorf." Und während er sich mit der Frage herumschlug, wo seine Wurzeln liegen, trieb es seinen Vater Werner in die Politik. Damit hatte der Sohn der Flüchtlingsfamilie nicht viel am Hut. Aber er hat eine Hochachtung vor seinem Vater, der sich „seit Jahren tierisch im Rat engagiert hat".
Auf anderer Ebene nimmt es sein Sohn ebenso genau: Zunehmende Kinderausbeutung macht den Freischaffenden besorgt. Durch Werbung verblendet, von der Schnellebigkeit überrollt, gerieten Identitäten der Kinder ins Wanken. „Der Herzschlag ist unser natürlicher Rhythmus. Schalten wir das Radio ein, sind wir schon im Trab." Und dagegen setzt Manfred Kindel an: Er setzt den Piratenhut auf sein angegrautes, schulterlanges Haar und läßt die Finger über die Tasten des Akkordeons fliegen. Seine Frau lauscht schmunzelnd dem Widerhall aus dem Hinterhof.

Christine Saemann