Stadt-Anzeiger, 27. Dezember 2001

Am Indianerdorf schlängelt sich der Bach


Vor rund fünf Jahren wurde die Idee für den Kinderwald am Mecklenheider Forst geboren. Der Vater des Projektes, Liedermacher Unmada Kindel, wollte Kindern die Natur näher bringen. Das ist ihm gelungen.

Eigentlich ist es nur ein brauner Sandhaufen, Boden, der bei der Verbreiterung des Mittellandkanales angefallen und nun 70 Meter hoch aufgeschüttet ist. Doch seit knapp zwei Jahren tut sich auf diesem acht Hektar großen Hügel am Mecklenheider Forst Wundersames: Ein Indianerdorf ist hier entstanden, ein Amphitheater nimmt Formen an und ein vormals begradigter Bachlauf darf sich wieder in natürlichen Bahnen schlängeln. Hunderte von Bäumchen und Sträuchern schlagen hier Wurzeln und wachsen zu einem ganz besonderen Wald heran: Dem Kinderwald, Hannovers wohl bekanntestem Beitrag zur lokalen Agenda 21.

Die Idee für dieses Projekt stammt von Kinderliedermacher Unmada (Manfred) Kindel. „Ein Wald, in dem die Kinder das Sagen haben, ein Wald zum Spielen und Anfassen und mit vielen Gelegenheiten diesen Naturraum zu erleben“ – mit dieser Vorstellung trat der Liedermacher und Musikpädagoge vor gut fünf Jahren an Jugendeinrichtungen und Ämter heran. Das Echo bei der Projektvorstellung am 19. November 1996 war gewaltig – das Kinderwaldprojekt war geboren. Ein Netzwerk von Einrichtungen, Verbänden und Ämtern unterstützt seitdem das Projekt, das in der Trägerschaft vom Kulturamt, Agenda-21-Büro, Projektinitiator Manfred Kindel und dem Freizeitheim Lister Turm steht, wo auch das Kinderwaldbüro in einem kleinen Turmzimmer seinen Sitz hat.

„Die Säulen unseres Konzeptes sind Naturerfahrung und die Beteiligung der Kinder“, sagt Projektkoordinator Udo Büsing. Der überwältigende Einfallsreichtum der Kinder verlangt auch von den Erwachsenen einiges an Kreativität: Dabei ist der Wunsch nach einer Hängematte, für die erstmal zwei große Birken gepflanzt werden müssen, noch recht einfach zu verwirklichen. Seilfähre, Klappbrücke, Wasserburg oder Bobbahn sind da schon schwieriger in die Realität umzusetzen. In spielerischer Form werden die Kinder an der Gestaltung beteiligt. So schrieb der (von zwei Studentinnen entworfene) „Wasser-quitsch-quatsch“ etwa einen Brief, dass das Ufer seines Baches so langweilig sei und bat die Kinder der beteiligten Kindertagesstätten um Hilfe bei der Lösung seines Problems.

Schon in der Planungsphase wurde die Kinderbeteiligung gross geschrieben, denn in Werkstätten und bei Feriencardaktionen konnten sie Ideen für die künftige Gestaltung ihres Waldes sammeln, während die Erwachsenen sich auf die Suche nach einem geeigneten Gelände machten. Im Frühjahr 1997 wurde die direkt an den Mecklenheider Forst grenzende Abraumhalde aus der Verbreiterung des Mittelllandkanales als Standort ausgewählt. Im Frühjahr 2000 nahmen die Kinder das Gelände dann offiziell in Besitz.

„Seitdem hat sich viel getan“; sagt Büsing. „Unter Mithilfe der Kinder haben wir mehr als 1000 Bäume und Sträucher gepflanzt, ein Weidentipidorf gebaut, Wälle, Unterschlupfe und Brücken errichtet und natürlich jede Menge Aktionen veranstaltet.“ Die Zahl der beteiligten Kinder nehme stetig zu: Schon jetzt seien einige 100 Jungen und Mädchen aus den fünf Stamm-Kitas, der Bau- und Naturerkundungsgruppe, einer Theatergruppe und den beiden von Liedermacher Unmada betreuten Kinderwald-Chören regelmäßig dabei. Dazu kämen viele Schulklassen und Kindergartengruppen zu den Veranstaltungen, die ein Stamm freier Mitarbeiter betreut.

Auf unterschiedliche Weise können die Stadtkinder in den Ideen- und Zukunftswerkstätten, bei Festen, Naturerkundungs- oder Feriencardaktionen Naturerfahrungen sammeln. „Wir haben bei unseren Aktionen eine breite Angebotspalette mit einem hohen Niveau“, sagt Büsing. Das spricht sich offenbar herum: Mittlerweile ist der Kinderwald, der 1997 mit einem Sonderpreis des Niedersächsischen Umweltministeriums gewürdigt wurde, ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Modellprojekt geworden, das in anderen Städten Nachahmer findet.

Doch Hannovers Vorzeigeprojekt plagen Geldsorgen. Denn der Sparkurs der Landeshauptstadt geht auch am Kinderwald nicht vorbei, so dass er 2002 mit rund 50.000 Mark weniger aus der Stadtkasse rechnen muss. „Meine Sorge ist, dass wir den hohen Standard nicht halten können, sagt Büsing. Die künftige Entwicklung des Kinderwaldprojektes hänge daher in Zukunft wesentlich von der Unterstützung der Sponsoren ab.

Eines ist aber sicher: Nach der Winterpause wird spätestens im Mai nächsten Jahres mit einer Pflanzaktion und dem Frühlingsfest die neue Kinderwaldsaison eingeläutet.

Britta Ganz